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< Einleitung   Lokomotiven >

Quellenkunde

Allgemein

Der Umgang mit realen und vermeintlichen Quellen erfordert immer eine gewisse Skepsis und Wissen über ihre Entstehung.
Matter Fotoanstrich mit hellem Untergestell
Foto: Scan vom Papieroriginal Slg Verf
Glänzender Betriebsanstrich mit dunklem Untergestell
Foto: Scan vom Papieroriginal Slg Verf
Stark retuschierte Anschriften, ohne anderweitig belegte Verbandskronen!
Foto: Pw4u WF Busch, Scan vom Papieroriginal Slg Verf
Verschiedene Verwitterungszustände grüner Waggons
Foto: Verfasser (Freital-Hainsberg 2008)
Verschiedene Verwitterungszustände grüner Waggons in schwarzweiß
Foto: Verfasser (Freital-Hainsberg 2008)
Falsch dunkelgrün kolorierter Gml "Halle 4111" der definitiv rotbraun zu streichen war.
Falsch dunkelgrün kolorierter Gml "Halle 4111" nach pr. MuBl. Ce5 1. Ausg.[Carstens1_1 S.45], der definitiv rotbraun zu streichen war.
Foto: AK Riesa veröffentlicht 1912, fotografiert 1908 oder eher

Fotoquellen

Es gibt eine deutliche Überzahl an Werkfotos in meinen Quellenangaben. Das hat einen einfachen Grund: Bei Werkfotos ist das Aufnahmejahr sehr sicher bestimmbar und man kann den Autoren ein Stück weit trauen. Notfalls kann man auf die Beschaffungszeiträume zurückgreifen. Manche Druckwerke sind leider, dank stark retuschierter Fotos, als Quelle nahezu unbrauchbar. Bei Betriebsaufnahmen und Ansichtskarten ist das Aufnahmejahr oft frei erfunden oder viel zu schwammig formuliert. Um 1900 mit einer XIV HT macht keinen Sinn. Wenn man sich der Situation bewusst ist, kann man solche Quellen aber auch nutzen.
Die folgenden Gedanken sind allgemeiner Natur und nicht auf Sachsen oder eine bestimmte Bahnverwaltung beschränkt.
Ziel der Analyse von Schwarzweißfotos sind Anschriftenformen (ohne direkten Farbenbezug) und das Erkennen verschiedener, nebeneinanderliegender Farben anhand der Bildkontraste. Weitere Informationen lassen sich aus ihnen leider nicht ableiten.

Anstriche im Verlaufe des Lebens

Ein Schienenfahrzeug trägt im Allgemeinen eine Reihe verschiedener Anstriche im Laufe seiner Existenz. Bevor man weitreichende Schlüsse zieht, muß man den abgebildeten Anstrich auf seinen Fotos identifizieren.

Fotoanstrich

Schwächen des verfügbaren Filmmaterials führten schon in den 1860er Jahren zu Spezialanstrichen mit besonders hellen Farben und hervorgehobenem Kontrast. Da solche Anstriche Privatsache des Herstellers waren, hatten diese bei der Auswahl werbewirksamer Verschnörkelungen eine freie Hand. Der Anstrich kann dem späteren Lieferanstrich der Bahnverwaltung widersprechen. Jede Lokomotivfabrik entwickelte im Laufe der Jahrzehnte einen eigenen Stil. Bei einzelnen Fabriken haben Lackierungsschemata des Hauptkunden den Fotoanstrich beeinflusst. Die Sächsische Maschinenfabrik Chemnitz hat dann sogar Loks für ostasiatische Bahnen mit der Zierlinienanordnung der K.Sächs.Sts.E.B. versehen.

Bei Lokomotiven sind Fotoanstriche oft gut in Form von Postkarten und Firmenkatalogen dokumentiert. Bei Wagen sind solche Anstriche recht selten, der Aufwand lohnte sich wohl nicht.

Lieferanstrich

Vor der Ablieferung an den Kunden musste der bestellte Anstrich aufgetragen werden. Eine Rücksichtname auf werbewirksame, kontrastreiche Fotos war dabei nicht mehr möglich. Die Lackierung war damals ein sehr aufwendiger Vorgang, der bis zu zwei Wochen in Anspruch nehmen konnte. Bei Wagen wurde der Lieferzustand (manchmal auch noch ohne Anschriften) oft auf Werkfotos festgehalten. Bei Lokomotiven ist er seltener dokumentiert.
Anlässe für entsprechende Fotos waren:
  • Fabrikjubiläen
  • Abnahmefahrten bzw. Übergaben an den Besteller
  • Betriebsfotos (zufällig) kurz nach der Lieferung
  • Sonderausstellungen wie in Seddin 1924 (Da muß aber geklärt werden, ob ein normaler Betriebsanstrich oder ein spezieller Sonderanstrich angebracht wurde.)

Betriebsverwitterung

Der ursprüngliche, neue, glänzende Anstrich verwittert mit der Zeit, wird rauh und verliert feine Details. In diese Kategorie fällt auch das Ausbleichen der Farbe durch Sonneneinstrahlung und Farbveränderungen durch Putzmittel. Dieser Zustand wird von den allermeisten Betriebsfotos gezeigt.

Neuanstrich

Wenn der Anstrich zu verschlissen ist, wird er von einer (meist) bahneigenen Werkstätte erneuert. Dabei wird aber nicht unbedingt der Lieferzustand wieder hergestellt, sondern neue Vorschriften umgesetzt oder auch Vereinfachungen vorgenommen.

Retuschen

Eine grosse Falle sind retuschierte Bilder. Von Zierlinien über Wagenanschriften bis zu ganzen Zügen(!) wurde schon alles in Fotos hineingemalt. Einzelne Publikationen verlieren dadurch fast ihren Quellenwert. Die Beweggründe reichen von Verschönerung bis zum Ausgleich mangelnder Papierqualität. Indizien sind:
  • falsche Perspektive (oft bei lesbarer Schrift)
  • plötzliches Deutlichwerden vorher kaum erkennbarer Linien, z.B. schwarze Fasen (abgeschrägte Längskanten der Holzbauteile) an Güterwagen
  • Abweichungen einzelner Druckbuchstaben (vor allem bei Wagen)
  • zu gute Detailierung um wahr zu sein - und auch hier im Gegensatz zu anderen Bildteilen
  • Ungenauigkeiten am Linienende, d.h. zu kurze oder zu lange Striche
Jedenfalls hilft dagegen nur eine gesunde Skepsis und ein gesundes Vergrößerungsglas.

Bewertung der Fotografien

Hat man nun eine Helligkeitsabstufung gefunden, kann man daraus immernoch keine Farbaussagen treffen. Die oben genannte Verwitterung kann bei mehreren Bahnfahrzeugen ganz unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Deshalb sind Unterscheidungen, beispielsweise zwischen grünen und braunen Wagen in einem Zug, mit Vorsicht zu betrachten. Eine Entscheidung zwischen Farben mit sehr verschiedener Helligkeit (hellgrau oder schwarz?) ist bei einer genügend großen Fotoauswahl aber möglich.
Die grundlegende Farbaussage muß aus anderen Quellen wie zeitgenössischen Zeichnungen oder Schriftquellen kommen. Die Frage nach einer genauen RAL-Festlegung erübrigt sich angesichts der vorgenannten Punkte von selbst.

Nachcolorierte Fotos

Nach Betrachtung vieler Ansichtskarten bin ich zu folgendem Schluß gekommen: Je mehr Farben ein Retuscheur zur Verfügung hat, desto bunter wird das Ergebnis. Von einheitlich grauen Zügen, über im Wechsel grüne und braune Waggons, bis hin zu reiner Fantasiefarbgebung in gelb (Nein.. nicht mecklenburgisch) ist da alles möglich. Ich unterstelle dem Künstler keine Böswilligkeit, aber das Auseinanderhalten verschiedener Wagengattungen auf Schwarzweißfotos ist ein Hobby unserer Tage. Etwas anders stellt sich die Sache bei Herstellerdokumenten dar, z.B. einem Katalog. Da gibt es tolle Beispiele wie preußische Akkutriebwagen und irreführende wie badische Loks in blau. Als Quelle sind die allermeisten colorierten Fotos leider zu unsicher.
Verschiedene Wiedergabe gelber Anschriften mit schwarzen Schatten auf gleichzeitigen Werkfotos 1898 / 1899
Foto: Verkehrsmuseum Dresden [CC BY-NC-SA] FS 34113, FS 34165 (11.02.2023) Bildausschnitt: Verf.
Foto: Verkehrsmuseum Dresden gGmbH, Inv.Nr. FS 34113, FS 34165 Bildarchiv Waggonbau Görlitz Fotografie: zweiachsiger gedeckter Güter- und Gepäckwagen, 1898 Fotografie: vierachsiger offener Güterwagen mit Gewichtsbremse, 1899
Unabhängige Quellen zur gelben Farbe der sächs. Eigentumsanschriften mit schwarzen Schatten
Verzeichnis Eigenthumsmerkmale Güterwagen 1896
Scan: Bestand SLUB Dresden https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/113339/32/0/# Nutzung unter Public Domain Mark 1.0
Originale Anschriften an einem G-Wagen-Kasten 2021
Foto: Jörg Hentschel 2021 Mit frdl. Genehmigung vom 12.04.2021
Bild: Verzeichnis Eigenthumsmerkmale Güterwagen 1896 Bestand SLUB (Public Domain)
Foto: Originale Anschriften an G-Wagen-Kasten 2021 (Jörg Hentschel M.frdl.Gen. 12.04.2021)
Empfindlichkeit verschiedener Fotoemulsionen für Farben
Im Lauf der Zeit wurde die Empfindlichkeit für grün, gelb und rot erhöht, aber oft ist das verwendete Fotomaterial unbekannt. Panchromatisches Material kam erst ab den 1920er Jahren weiträumig zum Einsatz.
Foto: asb, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Fotografische Wiedergabe

Bei aller Euphorie: Schwarzweißfotos stellen nur Helligkeitsunterschiede dar — eigentlich nichtmal das. Erfurter Eisenbahnfreunde haben sogar Schwarzweißfotos zwecks Farbanalyse zu ORWO geschickt, natürlich ohne Ergebnis. Leider schwankt die Qualität alter Fotos stark und Reproduktionen in der Sekundärliteratur liefern weitere Unsicherheiten. So kann ein und die selbe Vorlage in zwei Büchern zu völlig verschiedenen Schlüssen führen. Ein Beispiel: Das Ausstellungsfoto der XX HV in Seddin findet sich in vielen Büchern — aber nur die Wiedergabe bei Klebes[Klebes] (oder ein Original) lässt einen Schluss zur Farbe der Rauchkammer zu.

Auch ein schwarzer Kessel kann auf Fotos erstaunlich hell erscheinen, wenn die Reproduktion sehr stark belichtet oder hell entwickelt wurde. Erkennbar ist dies oft an einem ebenfalls sehr hellen Untergestell. Untergestelle sind meist rot oder schwarz und erscheinen deshalb normalerweise dunkel (siehe folgender Abschnitt).

Das Filmmaterial: Nicht alle Farben werden nur nach ihrer Helligkeit abgebildet. Altes Filmmaterial ist für blaues Licht recht empfindlich (hell im Foto) und für gelb/orange/rotes Licht nahezu unempfindlich (sehr dunkel im Foto). Es gab verschiedene Versuche, die Wiedergabe zu verbessern. Schrittweise Erfolge führten nach 1900 zur orthochromatischem und nach 1920 zu panchromatischem Filmmaterial. Aber noch bis zum zweiten Weltkrieg wurden verschieden empfindliche Filmmaterialien parallel verwendet.

Dazu ein Zitat aus Luegers Lexikon der gesamten Technik von 1904: Die gewöhnliche Bromsilbergelatine besitzt das Maximum der Empfindlichkeit gegen Hellblau, Blau, Violett und Ultraviolett des Spektrums; gegen Grün, Gelb und Rot fällt die Lichtempfindlichkeit enorm ab. [Lueger Photographie] Obwohl eine Reihe chemischer Mixturen diese Spektralabhängigkeit verringern, sind Fotos der Länderbahnzeit davon noch betroffen.

Ein eindrucksvolles Beispielfoto findet sich im Buch von Wolfgang Diener.[Diener(PW) S.14f] Dort ist ein Personenwagen ABCCü der Reichseisenbahnen Elsaß-Lothringen (von 1908) abgebildet. Dessen Farben (grün mit gelben Zierlinien im Bereich 1.-2.Klasse und braun mit roten Zierlinien im Bereich 3.Klasse) sind aus anderen Quellen bekannt. Auf dem Foto sieht man die hellen Zierlinien sehr gut, die roten hingegen kann man nicht einmal erahnen. Das Rot wird sehr dunkel und hat keinen Kontrast zum Wagenkasten. Der Unterschied zwischen grünem und braunem Wagenkastenteil ist zwar vorhanden, aber sehr gering. Offenbar reichte der blaue (bzw. weiße) Anteil der hellen Zierlinie zur Belichtung aus.

Materialbedingte oder wetterbedingte Glanzunterschiede können auch Farbunterschiede vorgaukeln, wo keine sind.
HG 641 mit gelb, rot und blau helligkeitsrichtig abgebildet auf panchromatischem Film
Foto: Sammlung DestinationsJourney.com
HG 641 mit gelb und rot abgedunkelt, blau aufgehellt auf orthochromatischen Film
Foto: Sammlung San Diego Air and Space Museum via Flickr Commons (nichtkommerziell)
Foto: Sammlung San Diego Air and Space Museum (Mit freundl. Genehm. vom 8.8.2023)
Farbfoto April 1941 Temperate Land Scheme, Rumpfkokarde A.1, Heckmarkierung Rot/Weiß/Blau
Foto: © IWM TR 139 (nichtkommerziell)
Foto: IWM (Imperial War Museum) License: piemags

Exkurs: Britische Rumpfkokarden

Zur Demonstration der Wiedergabeunterschiede verschiedener Schwarzweißfilme braucht man ein farbiges Objekt, dessen Farbe als Vorschrift, dessen Abbildung als Farbfoto und Aufnahmen mit verschiedenen Arten Schwarzweißfilm bekannt sind.
All diese Wünsche erfüllen die Hoheitszeichen britischer Kampfflugzeuge im Zeitraum 1940-42.
Die Farbe der Rumpfkokarden und Leitwerkflaggen beschreibt die britische Air Ministry Order A.926 von 1940:
AMO A.926 (12.12.40) Aircraft Colourings und Recognition Markings

6(ii) Under-surfaces. - The colouring of the under-surfaces is to be as follows:--
...
(g) Prototype and experimental aircraft, including private venture aircraft. --Yellow.
...
9.(ii) Sides of fuselage. -- A red, white and blue roundel, surrounded by a yellow ring, is to be carried on each side of the fuselage.
(iii) Fin markings. --Vertical red, white and blue stripes (with red stripe leading) (..)
[BritishAviation S.9ff]

Zeitgenössische Farbfotos dieser vierfarbigen Kokarden - in der Literatur als Typ A.1 bezeichnet - und Flaggen hat das Imperial War Museum digitalisiert.

Es existieren mehrere Aufnahmen der Hawker Tornado HG 641 mit diesen bis 1942 vorgeschriebenen vierfarbigen Rumpfkokarden und Leitwerkflaggen. Die beiden hier gezeigten Bilder unterscheiden sich neben den Lichtempfindlichkeiten auch in der Propellerstellung und dem Schattenwurf. Die abweichenden Unterflügelkokarden zeigen, dass sie nicht zum selben Zeitpunkt aufgenommen wurden. Die teilverkleidete Propellernabe datiert beide Aufnahmen auf den ersten Lieferzustand September (Erstflug am 23.Oktober 1941[Franks S.11]) bis November 1941 hin.[BritishExp S.116] Die Hawker Tornado Prototypen wurden bis 1944 verschrottet, es besteht also keine Verwechselungsgefahr mit Nachkriegs-, Kinofilm- oder Museumsanstrichen. Viele kursierende Fotos anderer Flugzeuge stammen aus der Nachkriegszeit und tragen möglicherweise abweichende Anstriche.

Die formale Ablösung dieser Hoheitszeichen wurde am 2.7.1942 mit veränderten Maßverhältnissen angeordnet. Der gelbe Aussenring wurde schmal und der weiße Mittelstreifen der Leitwerkflagge wurde ebenfalls zu einem schmalen Band.[BritishAviation S.19f]
Auch zu diesen neuen Hoheitszeichen sind Farbfotos[Imperial War Museum TR 921], ortho-[San Diego Air and Space Museum 002966] und panchromatische[San Diego Air and Space Museum 01_00081173] Aufnahmen überliefert, die das oben geschriebene untermauern.

Zeichnung Prototyp HG 641: Temperate Land Scheme, Rumpfkokarde Typ A.1, gelbe Unterseite, gelbes P
Bild: Verfasser

Farbuntersuchungen

Untersuchungen der Farbschichten an originalen Objekten sind das Nonplusultra der Farbforschung. Man muss sich aber vor Augen halten:
Alte Anstriche wurden bei Neuanstrich regelmäßig abgebrannt, d.h. die unterste Schicht ist zwar die älteste aber nicht unbedingt die Lieferfarbe. Manchmal läßt sich in verdeckten und schlecht zugänglichen Stellen noch eher ein alter Farbrest finden. Im Kapitel Packwagen findet sich das beim Wagen 1462 K.
Ein Deckanstrich lässt sich eigentlich nur durch aufgebrachte Schrift beweisen, andere Anstriche können auch eine Grundierung sein. Im Postwagen-Kapitel gibt es dazu ein Beispiel beim Wagen 2680 K.
Farben können sich auch an Museumsstücken - selbst perfekt dunkel und kühl gelagert - verändern. So sind alle überlieferten Uniformen heute anthrazitgrau aber die Vorschriften sprechen von grün. Entweder waren damals alle farbenblind oder die Farbstoffe für grüne Stoffe sind schlicht zerfallen.
Emailierte Signaltafeln sind dagegen sehr alterungsbeständig und zeigen augenscheinlich noch heute die originale Farbgebung.

Zeitungsartikel

Zeitungsartikel wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert regelmäßig aus anderen Zeitungen übernommen, geändert, gekürzt oder erweitert. Oft findet man zu Nachrichtenartikeln entsprechend längere Versionen. Bei dem 1896 aus einem "Kamerad" übernommenen Artikel zu damaligen Salonwagen des sächsischen Hofes ergab die dritte aufgefundene Version zusätzliche Farbangaben.

Oft wurden auch Artikel aus einem anderen Zusammenhang übernommen und passen nicht mehr zur Umgebung. Als Beispiel sind unten bayrische Zeitungen aufgeführt, die offenbar einen preussischen Artikel übernahmen und von mehrfarbigen Personenwagen schrieben, obwohl die bayrischen Personenwagen seit 1850 durchgehend grün waren (und das im Gegensatz zu Sachsen auch zweifelsfrei belegt ist).

Die Fürther Neueste Nachrichten schrieben beispielsweise 1874:
Mit Einführung der Mark=Rechnung beabsichtigt man auch die Eisenbahn=Fahrbillete nach einem einheitlichen Systeme anfertigen zu lassen. Die Billete werden sogenannte Coupon=Billete sein und aus einem Stamm und daran befindlichen Coupon bestehen. Dieser letztere wird vom Schaffner beim Coupiren abgetrennt. Die Grundfarben sollen sein: für die erste Klasse gelb, zweite Klasse grün, dritte Klasse braun, vierte Klasse grau; ganz conform der Farben der betreffenden Eisenbahn=Personenwagen, bez. Coupe's. Die Fahrpreise werden in Mark und Pfennigen in Form einer Dezimal=Stelle beigedruckt, z.B. 5,4 oder 0,5 oder 3,2. [Fürther_NN Nr. 309. Dienstag den 29.Dezember 1874]
Eine gewisse Vorsicht ist bei Farbangaben geboten, die z.B. für die 1.Klasse der KPEV von weiß über gelb bis orange reichen, um die selbe Farbe zu beschreiben.

So berichtet ein zuerst aufgefundener Artikel zum 50 jährigen Jubiläum der Berlin-Dresdner Bahn:
Die grün-weiße Farbe herrschte somit beim Anstrich der Personenwagen, wie in der Grundfärbung der Uniformen des Personals vor[Dresdner_Nachrichten Frühausgabe 17.06.1925]
Der Artikel basierte angesichts der vielen Details offenbar auf einem alten Original auf der Zeit der Eröffnung.

Wohingegen ein anderer Artikel im Original aus der Eröffnungszeit die Verwendung der preußischen Standardfarben beschreibt:
(...) die sächsischen Landesfarben blicken denn auch überall durch, sowohl an den silbernen Schnüren und Kokarden des Zugpersonals, wo das Grün und Weiß mit dem preußischen Schwarz verwebt ist, als in den Waggons selbst. Letztere, nach den neuesten Konstructionen angefertigt, tragen äußerlich die neuerdings vorgeschriebenen Farbenabwechselungen zur Unterscheidung der verschiedenen Klassen.(...) [Dresdner_Nach : 22.06.1875]
Ein Beitrag in der Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen spricht vom Rahmen der 1. Klasse sogar als orange:
(..) wurde. Später liess man den orangefarbenen Anstrich der I. Klasse fallen und begnügte sich mit einer orangefarbenen Umrahmung des grünen Anstrichs der II.Klasse, und so ist es noch heute. [ZVDEV 1.August 1900 S. 903f]
P8 der KPEV in verschiedene Ausgaben des Modellatlas zu "Die Praxis des modernen Maschinenbaues"
Foto: Sammlung Verf

Modellatlanten

Um die Jahrhundertwende erschienen eine Reihe Technikbücher mit Ausklappmodellen. Bei Buchtiteln wie die Moderne Technik von Blücher, Der Maschinenbau von Georg, der Der praktische Maschinenbauer von Ripke oder Die Eisenbahn in Wort und Bild von Czygan gehörte das schon fast zum guten Ton. Die Sammlungen dieser Modelle sollten das Verständnis technischer Zusammenhänge vereinfachen und wurden als Modellatlanten bezeichnet.
Die Farbgebung der abgebildeten Vorbilder war manchmal an das Vorbild angelehnt, manchmal abstrakt zur Erkennung der Technik und manchmal von einem anderen Vorbild adaptiert. Verschiedene Ausgaben zu Die Praxis des modernen Maschinenbaues von Häntzschel zeigen eine Lok der preussischen Staatseisenbahn zwischen gelb, grün/blau und dunkelgrau in verschiedenen Farben.
Daraus abgeleitete Schlüsse zur Farbgebung des Vorbilds bleiben deshalb Spekulation. Als Nachweis gelber P8 in Preußen oder gar zur Unterscheidung verschiedener Grüntöne zwischen Sachsen und Preußen können sie leider nicht dienen.